Ritter ohne Furcht und Tadel
Seit bald drei Monaten reisen wir durch die USA. Vieles haben wir neu dazugelernt. Manches ist uns aber auch nach dieser Zeit rätselhaft.
So zum Beispiel die Regeln von American Football. Ohne sich einzulesen, dürfte man (oder vielleicht auch nur frau?) keine Chance haben, diese zu durchschauen. Objektiv betrachtet – und dazu bietet sich praktisch täglich in praktisch jeder Bar und in ebenso vielen Pubs die Gelegenheit – kämpfen da zwei Teams mit Haken und Ösen gegeneinander. Diese Kerle prallen aufeinander, stürzen sich auf das Ei, das irgendwo in einem Knäuel begraben liegt, und rennen sich die Seele aus dem Leib. Sie werden gestossen, es wird an ihnen gerissen. Sollte es einer dann aber doch schaffen, sich halsbrecherisch über die Grundlinie zu werfen, zählt das. Nur wie viel? Just in dem Moment kommt nämlich jeweils Werbung.
Ich habe längst aufgegeben, das Spiel zu verstehen und der Fernsehübertragung zu folgen. Zu viel sind mir die Werbeunterbrechungen.
Was mir aber immer wieder auffällt, ist, egal, was einer mit seinem Gegenspieler anstellt, mag es auf mich noch so fies oder schmerzhaft wirken, wenn sich alle auf einen einzigen Gladiator werfen, der bleibt cool. Er steht auf, schüttelt sich kurz und - spielt ritterlich weiter. Kein Nachtreten, kein Revanchefoul, kein Fluchen, kein Beschimpfen des Gegners, keine Diskussionen mit dem Schiedsrichter.
Erinnert mich eine Footballausrüstung darum immer an eine schillernde Ritterrüstung aus dem Mittelalter? Weil die Ritterlichkeit obsiegt? Alle Football-Kenner mögen mir meine Unwissenheit verzeihen und mein Urteil erst recht. Diese American Footballer sind die direkten Nachfahren der Ritter ohne Furcht und Tadel.
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