Von Kinderträumen und vom Reisen
Endlich ist es soweit – der erträumte Moment des Einlaufens in New York City. Er erwacht ohne Wecker: «Spatzerl, es ist vier.» Langsam erwacht auch sie. «Wir sind in New York», schiesst es ihr durch den Kopf. Auf, anziehen und raus, um 4.45 Uhr soll die QM2 unter der Verrazano-Brücke durchfahren. Noch nicht ganz richtig in die Gänge gekommen, folgt die Entwarnung. «Es ist eine Stunde früher, wir können nochmals dösen.» Toll, hat er es doch geschafft und selbst nach fünfmaligem Üben die Uhr falsch zurückgestellt.
Das geschenkte Stündlein vergeht rasch, also nichts wie raus aus der Koje. Und tatsächlich, rechts und links des Schiffes leuchten die Lichter dieser Stadt, die nie schläft. Beim Passieren der Brücke ziehen alle die Köpfe ein, aber die QM2 passt unten durch. Alle applaudieren – wir sind bei weitem nicht die einzigen, die zu nachtschlafener Zeit von Deck zu Deck flanieren und diesen einzigartigen Moment auskosten.
Und schon bald, ganz im Hintergrund, erkennt man SIE. Die Lady, die gefangen auf ihrem Felsen der Dinge harrt, die da vorbeischippern. Die Dame, die als Geschenk vor gut 100 Jahren hierher kam und nun mit ihrer Symbolik jeden bewegt: Die Freiheitsstatue, die schon andere als Kreuzfahrttouristen begrüsst hat.
In unserem Reiseführer steht zu lesen, dass in den Jahren 1892 bis 1954 mehr als 12 Millionen Menschen über Ellis Island einreisten. Wirtschafts- und Kriegsflüchtlinge aus Europa. Der Blick auf die benachbarte Liberty Island verhiess Freiheit, gleich dahinter die Skyline von Manhattan, die verhiess wirtschaftliche Perspektive. Alles neu, alles besser, als das, was man zurückgelassen hat in der alten Heimat.
Während der siebentägigen Überfahrt über den Atlantik kamen wir beim Nachtessen mit unseren Tischnachbarn immer wieder ins Diskutieren. Allen war die damalige Situation bekannt, alle waren wir gleicher Meinung. Es braucht einiges, um Heimat und Freunde, unter Umständen gar Familie, zurückzulassen und irgendwo neu anzufangen. Es ist kein sicherer, gutbezahlter Job, der an der Wallstreet auf einen Investmentbanker wartet oder ein Austauschjahr für einen wissensdurstigen Studenten. Die Migranten der «Ellis-Island-Generation» liessen meist alles zurück und hatten nur die Hoffnung. Die Hoffnung auf eine neue Existenz in Menschenwürde und die Hoffnung auf einen Job, auf ein Willkommen, auf ein «es wird zwar nicht einfach, aber du erhältst deine Chance».
Dass sich bei diesen Gesprächen Gedanken an die Flüchtlinge, die derzeit nach Europa ziehen, aufdrängen, ist nachvollziehbar. Wir mochten uns gar nicht vorstellen, was diese Menschen durchgemacht haben und jetzt – ähnlich der Situation auf Ellis Island – einfach abwarten müssen, was mit ihnen geschieht, wo es sie hin verschlägt.
Das macht einem dann dankbar, dass wir als einfache Touristen in das «Land der unbegrenzten Möglichkeiten» einreisen und für ein paar Monate Gastrecht haben, das Land durchreisen dürfen und nicht mit der Hoffnung sondern mit der Vorfreude auf Unbekanntes zu diesen frühen Morgenstunden einlaufen in den Hafen einer der faszinierenden Städte der Welt. Diese wollen wir eine Woche durchkämmen, bevor es weitergeht. Davon später …