Von Kinderträumen und vom Reisen
1989 waren wir in Moskau, damals genau am Wendepunkt zwischen Sowjetunion und Russischer Föderation, zwischen Kommunismus und Kapitalismus. Gorbatschow kam frisch an die Macht, und neue Besen kehren bekanntlich anders.
Reisen war damals noch klar nach altem Muster. Alles war minutiös verplant, damit der Westtourist (trotz anders lautender Aussage im Reiseprospekt) ja nichts auf eigene Faust unternehmen konnte, und nur als Teil einer Gruppe möglich. So kann ich heute allerdings einen aus der Gruppe zitieren: "Unser Hotel hat 37 Etagen und vier Lifte. Einer davon ist defekt. Von ganz unten nach ganz oben braucht man - bei vorsichtig gerechneter Wartezeit - eine halbe Stunde. Alles kalkuliert, sonst hätten wir tatsächlich 'Zeit zur freien Verfügung'".
Es waren spannende Tage mit allen Highlights, die Moskau zu bieten hat: Roter Platz, Basilius Kathedrale, Kreml, Kirchen, Folklorekonzerte, Nationalzirkus, Raumfahrtausstellung, Troikafahrt. Alles auf die Minute getimt. Problem waren lediglich vier Winterthurer, die partout U-Bahn fahren wollten und auf die "freie Zeit" pochten. Und sich die ganze Gruppe diesem Unterfangen anschliessen wollte. Und Tamara, unser Guide, nachgeben musste. Übrigens ist die U-Bahn von Moskau tatsächlich ein absolutes "Must-have-seen".
Auf das neue Jahr haben wir mit Krimsekt angestossen und in der Disco im Dachgeschoss Lambada getanzt. Nastrowje!
Ein Gespräch ist mir besonders in Erinnerung geblieben. Eine junge Russin nach Gorbatschow befragt, meinte, es hätte sich alles zum Negativen verändert. Das Leben sei viel teurer geworden und zu kaufen gäbe es noch immer kaum etwas.
Diesen Umstand fanden wir im GUM, dem damals grössten Warenhaus Moskaus, bestätigt. Während unseres zweiten "freien Ausganges" haben wir es besucht.
Zuvor allerdings haben wir das gemacht, weshalb wir vier nach Moskau wollten: Wir waren eislaufen im Gorki Park.